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Zulassung  

Agostino Arrivabene

Schon in frühester Kindheit hatte er mit einer ausgeprägten, fast pathologischen Lebensangst zu kämpfen, wie sie sich auch in den ersten Zeichnungen und Gemälden manifestiert,  die schon in der Schulzeit eine gewisse Perfektion zeigten; dieses Unbehagen, das aus seinen Bildmotiven spricht, ist wie ein Sinnbild für sein Leben und seine Vergangenheit, die grundlegend durch diese frühe Erfahrung bestimmt wurden. Wenn es stimmt, dass die ersten Lebensjahre für die Persönlichkeit eines Menschen prägend sind und seine existenzielle Entwicklung bestimmen, dann wird das bei Agostino Arrivabene zu Fleisch und Tränen, Leben und Tod.

Der tragische Vorfall, der die heile Kinderwelt mit einem Schlag zum Einsturz bringt, ereignet sich 1972. Agostino ist vier, sein Bruder Andrea erst ein Jahr alt, als ihre Mutter plötzlich an einer Lungen entzündung stirbt und die beiden als Waisen zurücklässt. Vier Tage kämpft sie um ihr Leben, und in diesen vier Tagen macht Agostino Arrivabene viel zu früh für sein Alter die Bekanntschaft mit dem größten Mysterium der menschlichen Existenz: dem Tod.

Tränen, Schmerz, Trauma, die niedergeschlagene Stimmung in der Familie und ein Gefühl der Verlassenheit beginnen, sich wie ein Wurm in seine einsamen Tage zu bohren, ausgefüllt nur durch zwanghafte künstlerische Aktivitäten, die mit der Zeit zum Ventil des Abreagierens und zur Rettung werden, fast wie eine Art Medizin, eine Selbstheilung der Seele, die ihm gestattet, Qual und Leid zu lindern, und vor allem mit der Unfähigkeit, sich mit dem Verlust der Mutter abzufinden, zurechtzukommen. Der Vater versinkt in eine tiefe Depression und unternimmt sogar einen Selbstmordversuch. Die beiden Brüder werden getrennt und bei zwei verschiedenen Tanten mütterlicherseits untergebracht.

Die Wahrheit wird vor den beiden Kindern geheim gehalten, man erzählt ihnen, die Mutter befinde sich auf einer langen Reise in den Himmel. Und so verbringt der kleine Agostino endlose Tage am Fenster und wartete verzweifelt auf ein Zeichen vom Himmel, das jedoch nie kommt, ihm von einem grausamen, verräterischen Schicksal verweigert wird. Der Kosmos wird für ihn zur verbinden den Brücke zur Mutter, zu einer Brücke zwischen Leben und Mysterium.

Nach einer langen depressiven Phase beschließt der Vater schließlich, die Familie wieder zu vereinen, dank der Hilfe einer anderen Tante: Tante Margherita, die selbst früh Witwe geworden war. Von da an geht das Leben für Arrivabene unter der Zuneigung eines Vaters weiter, der trotz seiner Melancholie sofort die künstlerische Neigung und Begabung seiner Söhne, bei Agostino zur Malerei, bei Andrea zur Musik, erkennt. In den kommenden Jahren ermöglicht er Andrea eine Ausbildung als Belcanto-Sänger mit barockem Repertoire, in Cembalo und Klavier. Die unermüdliche Fürsorge von Tante Margherita und der Großmutter väterlicherseits helfen Agostino und Andrea dabei, Männer und Künstler zu werden.

Die Erzählungen der Großeltern stecken voller Legenden und volkstümlicher Geschichten über Barbarossa, über den Conte Celesia, von dem man sich erzählte, er habe sich als Toter auf die Dachböden geschlichen, um eine Art lebendige Vanitas zu simulieren, und ruhe angeblich in einem Sarg, der auf dem geheimnisumwitterten Dachboden eines herrschaftlichen Hauses aus dem 18. Jahrhundert versteckt war, das an dem Platz stand, an dem Agostino aufwuchs und seine Kindheit verbrachte. Unvermeidlich auch die erste Begegnung mit der Welt der Märchen und der Volkslegenden, und die folgende Identifizierung mit den Figuren von Perrault: Heldinnen ohne Mutter wie Aschenputtel
oder Schneewittchen, oder Pinocchio, auch er mit einer verlorenen Mutter, an deren Stelle die Fee mit den blauen Haaren tritt.

In diesen Kindheitsikonen erkennt Arrivabene ein Schicksal, das seinem ähnlich ist, und findet die alchemistischen Geheimnisse, um sie zu transformieren, in Metaphern eines Initiationsprozesses hin zur Reife; ein klares Beispiel dafür ist Dorn­ röschen. Labil ist die Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie, und schon seine ersten Zeichnungen sind
Ausdruck visionärer Welten voll metaphorischer wie symbolischer Konnotationen. Das Städtchen Rivolta d’Adda ist auch der Schauplatz, an dem Agostino Arrivabene den ersten Missgestalten begegnet, Verstümmelten und Versehrten eines im Zweiten Weltkrieg geprüften Volkes, durch den Wohlstand der sechziger Jahre nur notdürftig verkleidet, Gesichtern, die durch Gicht, Alkohol oder merkwürdige Krankheiten entstellt sind, die die Nase vergrößern oder die Augen verdreht erscheinen lassen. Einige Monate verbringt Arrivabene als Freiwilliger im Cottolengo, um angeborene körperliche Missbildungen zu studieren; dadurch entwickelt er eine neue Ästhetik, denn Behinderte werden für ihn 

zu menschlichen Fällen, zu Ausstellungsstücken für eine Wunderkammer des Anthropomorphen. Zum Lernort der besonderen Art wird für ihn auch der Friedhof, wo er Jahre später dank der Unterstützung seiner Freundin Matilda, einer jungen Friedhofsangestellten, viel Zeit verbringt; dort beobachtet er die ›Vivisektion‹ der aus dem Boden
zutage tretenden Leichen, die Metamorphosen des Körpers, eine absurde Knolle, die posthum aus der Verdauung der Erde wieder auftaucht. Es sind Körper und Gesichter, die durch Grinsen und Mutationen des Fleisches entstellt sind: Durch diese Erfahrungen bricht er mit allen gängigen Tabus und tritt dem großen Mysterium leidenschafts-
los gegenüber.

Aber dort hinten, in der Nordostecke des Friedhofs, dem Ziel sonntäglicher Pilgerreisen mit dem Vater, »… ist eine Fee begraben, die noch immer vor sich hinmurmelt«; so schreibt Jahre später Alda Merini, die große lombardische Dichterin, in einem ihm gewidmeten Gedicht und rückt ihn damit erneut in die Nähe von Pinocchio. Seine Jugendzeit bringt weitere Begegnungen, die für sein Leben entscheidend sein sollten, die wichtigste mit seiner Cousine Marika, von ihm später als Athene erkannt, die Göttin der Weisheit und
Erkenntnis, der Tempel der Wahrheit und Liebe. Rasch erkennt sie sein angeborenes, vielleicht archetypisches Talent zur Kunst und wird zu seiner Mentorin. Sie kümmert sich um seine ästhetische Erziehung, gibt ihm Bücher über Kunstgeschichte zu lesen und drängt ihn zu reisen, um die faszinierendsten und geschichtsträchtigsten Museen zu besuchen.
Vor allem aber führt sie ihn ein in die Schönheit und Größe der griechischen Mythologie, in das archaische Wissen der griechischen Philosophen, die den jungen Arrivabene sofort begeistern. Im Mythos treten Götter und Menschen in einen Dia­ log, um für die Rätsel des menschlichen Lebens.

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Künstwerk

Events

Agostino Arrivabene – Panorama Museum

Agostino Arrivabene – Panorama Museum

Start: 29/06/2013
Ende: 20/10/2013
Die Ausstellung des italienischen Künstlers Agostino Arrivabene, präsentiert etwa 125 Kunstwerk, die in dieser Breite erstmals in Deutschland zu sehen sind.

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Präsentierte Peter Gric